von Peter H » 11.01.2007, 22:08
Also zum Thema Kurzstrecke:
Erst mal muß man wissen, was "Kurzstrecke" bedeutet.
Ein Motor ist so konstruiert, daß seine Bauteile in Betriebstemperatur ihre optimale "Paßform" aufweisen; d.h. z.B. die Kolben haben im Verhältnis zur Laufbuchse im kalten Zustand ein größeres Spiel, als wenn sie sich durch die Betriebswärme ausgedehnt haben. (Am Rande, was viele nicht wissen: Kolben sind wegen der unterschiedlichen Wärmezonen und der Lagerung des Kolbenbolzens im kalten Zustand leicht OVAL und erst bei Betriebstemperatur "rund"). Genau so verhält es sich mit allen anderen Motorbauteilen, weil die Ausdehnung von Metall bei Wärme bei der Größenauslegung miteinbezogen werden muß - Klater Zustand bedeutet immer größeres Spiel.
"Betriebstemperatur" bedeutet, daß der Motor und ALLE seine Bauteile so warmgefahren ist, daß das Motorenöl dadurch eine Betriebstemperatur von ca. 80 Grad aufweist. (Ein kalter Motor, dem man theoretisch 80 Grad warmes Öl eingießt, ist also noch lange nicht "Betriebswarm").
"Kurzstrecke" bedeutet für ein Fahrzeug somit jede Fahrstrecke, die zu kurz ist, um diese Betriebstemperatur zu erreichen, unabhängig von der Kilometerzahl (im Sommer weniger als im Winter, bis er warm wird).
Wenn ich also nur 3 km fahre, das Auto nur kurz mal 10-15 Minuten abstelle und dann weiterfahre und noch 3x nach 3 Kilometern Pause mache, ist dies so gesehen kein Kurzstreckenbetrieb mehr, weil der Motor in den Pausen ja nicht völlig auskühlt.
Prinzipiell, sollte ein Fahrzeug nach 10 bis 15km "warmgefahren" sein (ist aber abhängig von der Außentemperatur), also eine Öltemperatur von 80 Grad erreichen.
JEDER Anlaßvorgang bedeutet eine gewisse Verschleißerhöhung, weil bei jedem Anlassen daß Motoröl erst einen gewissen Weg zu den Schmierstellen zurücklegen muß; Ist der Motor bereits warm, geht das einen Tick schneller, als wenn das Teil kalt ist und das Öl verhältnismäßig "dickflüssig". Zudem sind die Spiele der Bauteile noch größer, d.h. eine Schmierstelle benötigt in desem Moment wesentlich mehr Öl zur Schmierung und der "Aufschwimmeffekt" auf dem Öl ist dadurch noch geringer, als wenn der Zwischenraum duch die Erwärmung enger geworden ist.
Der Kaltstart ist insofern "Verschleißstärker", da hier ja auch die Bauteile noch ein etwas höheres Spiel aufweisen, außerdem sind die Zylinderinnenwände ebenfalls noch kühl und somit kondensiert ein Teil des Benzins an der Innenwand der Zylinder (steht dann aber auch nicht zur Verbrennung zu Verfügung - daher mehr Spritverbrauch); dieser Spritanteil kann durch das noch erhöhte Spiel des Kolbens und dessen Ringe z. Teil sogar in das Motoröl gelangen und verdünnt dieses dann nach und nach. Des weiteren ist das Öl noch vergleichsweise Dickflüssig, woedurch gerade bei Hochdrehen des Motors im Kalten Zustand der Öldruck um ein wesentliches höher ist, als wenn Betreibstemperatur vorherscht. Im Extremfall kann somit ein sofortiges Hochdrehen zu einem solch ungesundem "Öl-Hochdruck" führen, daß einige Dichtungen empfindlich darauf reagieren und zu lecken beginnen.
"Untertouriges" Fahren in diesem Zustand ist aber ebenso schädlich, da hierbei erhöhte Lagerdrücke entstehen, die der Ölfilm aufgrund des noch relativ großen Spiels zwischen den kalten Bauteilen nicht optimal abfangen kann.
Auch der Kat braucht einige Minuten um auf Temperatur zu kommen und erst dann kann die Elektronik über die Lamda-Messwerte die Spritzufuhr und somit auch den Verbrauch optimal "einstellen".
Ein Weiterer Effekt der "Kurzstreckenschäden" erzeugt, ist die unvolsltändige Verbrennung bei kaltem Motor in Verbindung der Tatsache, daß auch die Auspuffanlage nicht kommplett warm wird:
Schwefel in den Verbrennungsabgasen und der ebenfalls bei der Verbrennung entstehende Wasseranteil verbinden sich zu Schwefelsäure, die in der kalten Auspuffanlage auskondensiert. Wenn das Fahrzeug jetzt eben nur über einige Kilometer bewegt wird, wird die Auspuffanlage nicht so warm, daß die Feuchtigkeit verdunstet und ausgeblasen wird. Somit bleibt nach dem Abstellen Schwefelsäure und Wasser in den Auspuffanlagenteilen stehen und sorgt für ein schnelleres durchrosten der Auspuffanlage (das ist der Hauptgrund für "Löcher" im Auspuff, von Außen alleine würde kein Auspuff so schnell durchrosten.
D.h. man sollte Kurzstrecken soweit als möglich vermeiden, weil sie einen extremen Verschleißanstieg besonders im Motor und der Auspuffanlage bedeuten, ebenso wie häufige Kaltstarts.
Praktikable Lösung ist hier soweit möglich, daß man mit "Hirn"Auto fährt, und sich vorher überlegt, ob man nicht aus 2 oder 3 Einzelfahrten mit längeren Pausen zwischen drin gleich nur eine machen kann.
(PS: Postautos fahren auch vom Verständnis her immer Kurzstrecken, manchmal von Haus zu Haus - die Motoren sind aber meist so gut beieinander, wie bei Langstreckenfahrzeugen, weil der Motor immer Warm bleibt, nur das ständige Anlassen nagt etwas an den Bauteilen und der Anlasser ist das am meisten gewechselte Teil solcher Fahrzeuge).
Wenn es sich nicht vermeiden läßt: Naja, Leute. Es ist ein Auto und es ist zum Fahren gedacht! Wenn ich wirklich mal nur 3 Kilometer zum Fahren habe, ist es eine Denksportaufgabe, ob man hier zur Verschleißminderung einfach mal einen Umweg von 15 Kilometern macht, um das Teil warmzufahren - die Frage ist, ob der dadurch entstehende Mehrverbrauch an Sprit und der Verschleiß aller Bauteile bei 15km im Verhältnis zu nur 3km nicht vielleicht letztlich summa sumarum genausoviel kostet. Letztlich bedeutet JEDER Meter mit dem Fahrzeug IMMER Verschleiß. Mit "Hirn" kann man diesen lediglich länger hinauszögern.
Klingt jetzt fast so wie "Wie man's macht, ist's falsch, so sieht die Technik aber nun mal aus.
Wenn ich wirklich 3 0der 4 Kilmeter wegen irgendwelcher Umstände fahren muß, dann ist es halt so; Hirnlos ist es nur dann, wenn man die 400m vom Haus zum Bäcker statt einfach mal schnell rüberzulaufen mit dem Auto fahren muß (Gehbehinderung jetzt mal außer Acht gelassen!)
Es gibt auch Standheizung für den Motor (die man Zeit- oder Ferngesteuert so 30 Minuten vor Fahrtbeginn aktiviert), die den Kaltstart verhindern oder zumindest die Wirkungen minimieren; allerdings kosten die auch Geld und Sprit- oder Strom, hier muß man also auch rechnen, ob sich das letztendlich wirklich lohnt.
WEr jetzt so Angst bekommen hat, daß er meint: "Ich will meinen Aygo nie mehr hergeben und auch vermeiden daß er verschleißt, also Motte ich den am besten in der Garage ein und fahre gar nicht!", dem muß ich den Zahn ebenfalls ziehen; Es gibt nämlich auch noch einen Effekt, genannt "Standschäden". Wenn Fahrzeuge lange nicht bewegt werden, dann stehen die sich nicht nur wörtlich die Reifen hart und platt, sondern auch Dichtungen werden brüchig (durch Erwärmung und Abkühlung bei Betrieb erhalten diese länger ihre "Geschmeidigkeit"), Lager oxidieren an den dauernd gleichen Berührungsstellen, Motoröl oxidiert/altert durch vorhandenen Sauerstoff auch ohne Betrieb, feine Abriebpartikel, die normal über Wochen im Öl in der Schwebe gehalten werden, können sich zu einem netten Schlamm absetzen, etc.
Großes ABER: Es ist ein AUTO! Also nicht verrückt machen lassen!
Grüße,
Peter H